Charakterisierung des Forstmeisters aus „Die Marquise von 0…“ als Beispiel

Charakterisierung des Forstmeisters aus „Die Marquise von 0…“

Charakterisierung des Forstmeisters aus „Die Marquise von 0...“ als Beispiel

Textgrundlage

S.30, S.32f., S.35f., S.45f.

Aufgabenstellung

Charakterisieren Sie die Figur des Forstmeisters basierend auf obiger Textgrundlage und stellen Sie basierend auf analytischer Textarbeit begründet dar, welche Position er innerhalb der Familie einnimmt sowie welche Ansichten er in den jeweiligen Figurenkonstellationen vertritt.

Charakterisierung

Die Novelle, „Die Marquise von O…“, verfasst von Heinrich von Kleist, erst veröffentlicht im Jahre 1808, thematisiert die gesellschaftlichen Strukturen der damaligen Zeit am Beispiel der Familie der Marquise und bringt so die von Zwang gesteuerten Handlungen und Kommunikationsschwierigkeiten der Figur hervor.

Die Handlung der Novelle beginnt mit einer Zeitungs-Annonce der Marquise, durch die sie den Vater ihres ungeborenen Kindes ausfindig machen möchte, und darlegt, ihn aus gesellschaftlichen Gründen zu heiraten. Rückblickend erfährt der Leser über die bei den Eltern lebende Marquise, dass sie während des Krieges vom Grafen F. missbraucht wurde. Folgend auf diese Tat, machen sich bei ihr Symptome bemerkbar, die das misstrauische Gefühl einer Schwangerschaft aufkommen lassen, welche von einem Arzt und einer Hebamme bestätigt wird. Daraufhin wird die Marquise aus ihrem Elternhaus verstoßen und gibt die Annonce auf, auf die sich der Graf F. Namenlos meldet. Bei dem ersehnten Treffen erfährt sie nun, dass ihr damaliger Held der Kindesvater ist. Die Eltern können sie jedoch zu einer Hochzeit überreden und nach einiger Zeit, folgt eine Vermählung aus Liebe und weitere Kinder.

Die vorliegenden Textausschnitte der Novelle konzentrieren sich vor allem auf den Bruder der Marquise, welcher ein Forstmeister ist und genauso wie sein Vater, ein Vertreter des Patriarchats.

Schon zu Beginn seines Auftretens in dem ersten vorgegebenen Textauszug wird deutlich, dass der Forstmeister eine der Marquise gegenüber vorherrschende Rolle einnimmt. „[…] [A]ls der Forstmeister daraus hervortrat, und zu ihr mit flammendem Gesicht sagt: Sie höre, dass der Kommandant sie nicht sehen wolle,“ (S.30, Z.1ff.) verdeutlicht zum einen seine Rolle als Botschafter des Vaters, da dieser ihn ganz klar zu persönlichen Überlieferungen seiner Nachrichten bestimmt, da er dazu emotional nicht in der Lage ist. Somit wird der Bruder als ein klares Druckmittel gegenüber seiner Schwester eingesetzt, welche mit dem größten Respekt um Hilfe und Vergebung fleht (vgl. S.30, Z.2ff.).

Zum einen demonstriert dies die Macht des Forstmeisters innerhalb der Geschwister-Konstellation, da er wie sein Vater auf einer emotionalen Ebene unerreichbar für seine Schwester scheint (vgl. S.30, Z.3ff.). In den Augen der Marquise erscheint er wie eine eiskalte, gefühllose, von den Werten und Normen der Gesellschaft determinierten Person. Sie setzt ihn mit „[…] [Seinem] unmenschlichen Vater […]“ (S.30, Z.28) gleich, was vor allem auch den Respekt dem ihm gebührt, aber auch die Verachtung seiner steifen, an den Werten orientierten Persönlichkeit hervorbringt.

Dass der Forstmeister von dem Vater als Mittel zum Zweck benutzt wird, lässt sich daran erkennen, dass dieser ihn zur Unterhaltung des Grafen beauftragt, um sich aus einer für ihn brenzligen Situation zu ziehen (vgl. S.32, Z.25ff.). Es lässt sich also herausstellen, dass, auch wenn er eine höhere Gunst des Vaters, im Vergleich zu seiner Schwester, genießt, er für ihn ganz klar der Unterlegene ist, welcher für ihn als emotionales Schutzschild dient. Die Treue, die er dem Vater schwört, wird dadurch deutlich, dass er keine Widerworte leistet und Befehlen stets folgt (vgl. S.32, Z. 25ff.). Zudem ist er es, welcher den Grafen über die Schwangerschaft seiner Schwester in Kenntnis setzt. Hinzuzufügen ist jedoch, dass dies auf eine sehr abwertende Weise pariert, da er „[…] von der Schande, die die Marquise über die Familie gebracht hatte […],“ (S.32, Z.31ff.), berichtet. Die Wortwahl des Erzählers bringt am Beispiel des Bruders auch die Gesellschaftskritik von Kleist ans Licht, da auch der Forstmeister nicht das Individuum mit seinen Bedürfnissen, sondern die gesellschaftliche Reputation als oberste Priorität ansieht (vgl. S.32, Z.31ff.). Der Bruder der Marquise offenbart hier vor allem seine Engstirnigkeit und seinen kalten Charakter, da er die Ängste seiner Schwester missachtet und nichts als Verachtung für sie empfindet. Deutlich wird dies unter anderem durch sein „[…] [A]nglotz[en] […],“ (S.33,Z.3), als Reputation auf die Aufrichtigkeit und Gebundenheit des Grafen an die Marquise. Für ihn ist dieses Empfinden unverständlich, da sie als „[…] Nihtswürdig[e]“ (S.33, Z.4) einen ausgeschlossenen Teil der Gesellschaft darstellt. Dies ist zu erklären durch die starke Gebundenheit des Forstmeisters an gesellschaftliche und religiöse Normen, welchen unter anderem Aufrichtigkeit und Keuschheit zu Grunde liegen, gegen seine Schwester, aus seiner Sicht, verstoßen hat. Er hält den Graf F. „[…] seiner Sinne völlig beraubt […],“ (S.33, Z.10f.), was abermals seine komplette Ablehnung der Schwester signalisiert, da es für ihn unverständlich ist, sich freiwillig an das unterste Glied der Gesellschaft zu stellen und somit seine gesellschaftliche Reputation aufzugeben (vgl. S.33, Z.10f.).

Mit welcher Verabscheuung er der Entscheidung des Grafen  gegenüber steht, wird an der von ihm genutzten Ironie, bei einem weiteren Aufeinandertreffen deutlich, bei dem er sich auf sehr ironische Weise über den glücklichen Verlauf des zweiten Heiratsantrag erkundigt (vgl. S35, Z.8ff.). Immer noch ist für den Forstmeister das Verhalten des Grafen nicht nachvollziehbar, da er mit seinem Verhalten gegen alle gesellschaftlichen Konventionen strebt, was für ihn nur mit einer Verwirrung des Geistes zu begründen ist, da Reputation eine der größten Prioritäten der Gesellschaft darstellt (vgl. S.35, Z.16ff.). Weiterhin wird aber auch deutlich, wie unwissend der Bruder über die ganze Situation der Schwangerschaft ist, da er dem Grafen die Zeitung mit der Annonce hin hält und ihn darauf aufmerksam macht, dass seine Schwester Interesse an einem anderen Mann habe (vgl. S.35, Z.17-22). Ein weiteres Mal zeigt sich hier die in der Ironie versteckte Verachtung des Forstmeisters gegenüber allem, was gegen die zeitgenössischen Werte spricht.

Betrachtet man nun aber den weiteren Verlauf der Handlung, wird deutlich, dass sich der Forstmeister „[…] mit seiner Versöhnung eingefunden hat […]“, (S.45, Z.24f.), da ihm klar geworden ist, dass auch seine eigene Reputation nur durch die Vermählung seiner Schwester mit einem angesehenen Herren zu retten ist (vgl. S.45, Z.24ff.). Jedoch muss man hier auch wieder auf das Patriarchat hinweisen, da die Eltern über den Partner der Marquise entscheiden und eine Eheschließung nur bei einer zufriedenstellenden finanziellen Situation erlaubt wird (vgl. S.45, Z.6). „[Es solle alles geschehen], um die Lage der Marquise glücklich zu machen,“ (S.45, Z.28), ist hierbei nur als Vorwand zur eigenen familiären Rettung anzusehen, da der Forstmeister sich durchaus seinem eigenen Verfehlen bewusst ist, da er nicht mehr auf sein vorbildliches Familienideal, wie es in der Vergangenheit ausgelebt wurde, zurückgreifen kann, weswegen die Familie sich einem Mann niederer Verhältnisse widersetzen würde (vgl. S.45, Z.31f.).

Er würde somit die Rolle des beschützenden Bruders nicht erfüllt haben und aufgrund der anderen genannten Faktoren selbst im missachteten Teil der Gesellschaft Platz finden.

Trotzdem hat die Marquise Vertrauen in sein brüderliches Gespür und legt ein liebendes Verhalten an den Tag, welches beim Bruder eher als egozentrisch beschrieben werden muss (vgl. S.46, Z.3ff.). Die Mutter erkennt aber die Engstirnigkeit ihres Sohnes und hält nicht viel von seiner Entscheidungsfähigkeit, da diese sehr stark nach seinem eigenen Wohl und nicht dem seiner Schwester gerichtet ist (vgl. S.46, Z.10f.).

Zusammenfassend lässt sich der Forstmeister als eine sehr statische Figur charakterisieren, welche stets nach der höchsten Reputation der Gesellschaft strebt. Für ihn ist die Missachtung seiner Schwester eine Selbstverständlichkeit und er erfüllt so vor allem sein ihm aus der Gesellschaft zugeschriebenes Rollenbild. Er ist der Nachfolger seines Vaters und hat somit die Werte und Normen einer patriarchalischen Gesellschaft  zu erfüllen.

Julia, 12. Klasse Gymnasium. Die Charakterisierung des Forstmeisters aus „Die Marquise von 0…“ wurde mit der Note 1- bewertet.

Material zu „Die Marquise von 0…“

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